Wie klein ist zu klein für einen Hund?
Foto: Sophie Strodtbeck
Eine Soziopositiv-Hörerin wollte wissen, ab welcher Größe Hunde als zu klein gelten. Wir haben nachgefragt bei dreien, die es wissen müssen: Tierpathologe Achim Gruber, Biologin Katja Leicht und Tierärztin (und kritische Kleinhundhalterin) Sophie Strodtbeck.
Content-Note: In diesem Text wird über Erkrankungen, Verletzungen und Sterben von Hunden gesprochen.
10. Februar 2025
Ab wann ist ein kleiner Hund eigentlich zu klein?“ Das fragte neulich eine Soziopositiv-Hörerin zur Folge „Retten Gentests Hunderassen?“ mit Tierpathologe Prof. Dr. Achim Gruber und Biologin Dr. Anja Maria Geretschläger, in der Hostin Sonja mit den beiden Wissenschaftler*innen über die Probleme der Hundezucht gesprochen hat.
Eine extrem gute Frage, fanden wir. Deshalb haben wir sie an gleich drei Expert*innen weitergegeben: Prof. Dr. Achim Gruber aus der genannten Folge, Dr. Katja Leicht, Biologin in einem Veterinäramt, und Tierärztin und kritische Kleinhundhalterin Sophie Strodtbeck.
Zahlen und Fakten: Was der aktuelle Stand der Forschung sagt
Unsere erste Antwort holen wir uns von der Person, die ursprünglich gefragt war: Prof. Dr. Achim Gruber. Er fasst zusammen, was in Tiermedizin und Forschung derzeit Wissensstand ist:
„Im Gegensatz zum Gigantismus mit einer Grenze von etwa 45 kg kennt die Wissenschaft bislang noch keine ähnlich benannte, untere Gewichtsgrenze, unterhalb der die diversen gesundheitlichen Schäden bei „Zwergen“ vermehrt auftreten. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass bei den Kleinstrassen oft noch mehr als bei den Giganten zusätzliche, gesundheitsbelastende Zuchtmerkmale vorliegen wie relativ übergroße Köpfe oder extrem kurze Nasen, die auch in Kombination mit der Verzwergung zum Leid beitragen können.
Gerade für das häufig anzutreffende Missverhältnis zwischen Kopf-/Gehirn-Größe und dem restlichen Körper ist dies bekannt. Zu den typischen Folgen werden teils schwere Entwicklungsstörungen des Gebisses oder teils tödlich verlaufende Stoffwechselstörungen mit Unterzuckerung gezählt.
Aber auch ohne diese zusätzlichen Defektmerkmale kann die Verzwergung zu einem weiten Spektrum an erhöhten Risiken für Krankheit und Leid führen, etwa Verlagerungen der Kniescheibe mit deutlich gestörten Beweglichkeiten der Hinterbeine.
Nach meiner Erfahrung können Hunde mit einem Gewicht von zwischen 4 und 6 kg bereits deutlich in diesen gefährdeten Bereich fallen, unter Berücksichtigung der weiteren, am jeweiligen Patienten vorliegenden Defektzuchtmerkmale.“
(Über)leben als Zwergtier: „Hunde unter fünf Kilo gehen sehr schnell kaputt“
Die nächste Person, der wir die Frage stellen, was für einen Hund zu klein ist, schickt kommentarlos eine Liste: Links die Rasse des Hundes, der einen anderen Hund getötet hat, rechts die Rasse des Hundes, der von ihm getötet wurde. „Braucht es noch mehr Argumente?“ schreibt sie dazu. In der rechten Spalte: fast ausschließlich Zwergpinscher, Bolonkas, Chis und andere Klein- und Kleinsthunde.
Dr. Katja Leicht, Dozentin für Hunderassen bei KynoLogisch, ist in ihrem ersten Leben Biologin bei einem Veterinäramt. Sie hat immer wieder Fälle, die niemand gern bearbeitet: Hunde, die getötet wurden – zum Beispiel nach Angriffen. Ihre Einschätzung ist klar: viele der Opfer hätten vermutlich bessere Chancen gehabt, zu überleben, wenn sie einfach nicht so klein gewesen wären.
Privat empfindet sie Hunde unter sieben Kilo als zu klein. Beruflich, gestützt auf das, was ihr im Amtsalltag begegnet, zieht sie die Grenze etwas niedriger – bei etwa vier bis fünf Kilogramm. Hunde unter diesem Gewicht seien schlicht extrem fragil. Knochen, Organe, Kreislauf: All das verzeiht bei sehr kleinen Körpern kaum Fehler. Was bei größeren Hunden vielleicht eine hässliche Wunde wäre, wird für Kleinere schnell zum Todesurteil: „Hunde unter fünf Kilo gehen sehr schnell kaputt.“
Dazu, sagt sie, kommt ein weiteres Problem, das in der Praxis immer wieder eine Rolle spielt: Sehr kleine Hunde werden deutlich häufiger mit jagdbarer Beute verwechselt – etwa von größeren Hunden mit ausgeprägtem Jagdverhalten. Geringe Größe, hohe Verletzlichkeit und dieses zusätzliche Risiko ergeben eine ziemlich ungünstige Gemengelage. Oder, in ihren Worten: eine „fatale Kombi“.
„Zu groß“ und trotzdem krank? Gewicht, Größe und vermeintliche Sicherheit bei Chihuahuas
Die Dritte im Bunde ist Tierärztin, Autorin und Kleinhundehalterin Sophie Strodtbeck. Sie sagt: „Ich lebe mit drei Chihuahuas, alle sind „passiert“ und stammen aus dem Tierschutz, und alle sprengen den offiziellen Rassestandard: sie wiegen zwischen 3,3 und knapp 5 Kilogramm. Laut VdH wären sie damit zu groß und zu schwer für die Zucht. Nach landläufiger Meinung müssten sie robust, belastbar und vergleichsweise gesund sein. Die Realität sieht anders aus. Leider.
Fotos: Sophie Strodtbeck
Von allen drei Chihuahua-Schädeln gibt es inzwischen CT-Bilder, und die möchte man gar nicht sehen. Alle haben relevante medizinische Baustellen, und so ist es kein „Zufall“, dass Piranha inzwischen nur noch ein Auge hat. Beim Chi braucht es dazu nicht viel, weil die knöcherne Orbita die Augäpfel nicht mehr ausreichend halten und schützen kann. Und ausgerechnet Rowi, mit fast fünf Kilo der „Riese“ im Team, hat trotz seines Gewichts die größten Baustellen: Er hat eine zu kurze Nase, um Temperatur zuverlässig regulieren zu können. Ab demnächst werden wir also wieder unsere Runde am Bach entlanglaufen, damit er sich um Notfall abkühlen kann. Außerdem ist die Zunge zu groß / dick für das kleine Maul, was seine Probleme bei Hitze noch verstärkt. Seine Augen tränen chronisch, der Nasentränenkanal ist durch einen zu ausgeprägten Stopp verengt. Die Schädeldecke-Dicke misst etwa einen Millimeter, was das bei einer Auseinandersetzung oder einem blöden Unfall bedeutet, kann sich jeder vorstellen. Mit einem Jahr mussten ihm bereits die vier hintersten Backenzähne gezogen werden, weil im Kiefer schlicht kein Platz für alle Zähne war. Ach so: die Fontanelle ist ausgerechnet beim Größten hier auch nicht geschlossen.
Rowi zeigt leider sehr eindrücklich: Größe ist kein Garant für Gesundheit, auch wenn sie der einzige „harte Fakt“ ist, denn man einfach messen kann. Brachyzephale Atemwege, Zahnfehlstellungen, offene Fontanellen, neurologische Auffälligkeiten, orthopädische Probleme – das alles verschwindet nicht automatisch, nur weil ein Hund ein Kilo mehr auf die Waage bringt. Entscheidend ist nicht alleine, wie viel ein Hund wiegt, sondern wie funktional sein Körper ist.“









