Aktionstage Nachhaltigkeit: Müssen wir Hundehaufen wirklich in Plastik packen?

… (und aufgrund mangelnder Entsorgungsmöglichkeiten in die Büsche werfen) oder gibt es Alternativen?

von Nora Brede

Ich bin Nora, Mitgesellschafterin bei KynoLogisch, und das Thema Nachhaltigkeit und Plastik beschäftigt mich schon sehr lange – ich habe die Forschung dazu in Forschungsgruppen zur Ökotoxikologie miterlebt und es war immer klar: Kunststoffe sind ein global-ökologisches Problem. Bis vor einigen Jahren habe ich in der Schweiz gewohnt, wo das Einsammeln von Hundekot Pflicht ist – und dafür stehen allerorts Kotbeuteleimer und Kotbeutel zur Verfügung. Diese Kotbeutel sind natürlich aus Plastik. „Schätzungen zufolge werden mehr als 500 Millionen Beutel pro Jahr in Deutschland verwendet, die meisten davon landen in der Müllverbrennungsanlage. Denn ein Plastikbeutel mit Hundekot darin ist nicht recyclebar.“ (1)

Plastik, Mikroplastik, Plastiglomerat

Plastik ist der umgangssprachliche Begriff für eine unüberschaubare Masse an Kunststoffen, die zwar zu unglaublich praktischen Dingen verarbeitet werden können, aber zu großen Teilen erdölbasiert und nicht biologisch abbaubar sind. Die Folgen aus diesen beiden Eigenschaften sind eine massive akute Umweltzerstörung. Immer, wenn ich mir Berichte über den Great Pacific Garbage Patch (2) anschaue, oder lese, dass neue Gesteine (das sogenannte Plastiglomarat; 3) benannt werden müssen, weil sie vor lauter enthaltenem Kunststoff andere Eigenschaften haben. Wenn ich Zitate wie das folgende lese, zieht sich alles in mir zusammen, weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass uns gar nicht wirklich bewusst ist, wie massiv wir unseren Planeten verändern – nicht nur die Temperaturen, sondern auch jedes Korn Sand und Erde, das uns umgibt:

„Jedes kleine Stück Plastik, das in den letzten 50 Jahren hergestellt wurde und in den Ozean gelangte, ist immer noch irgendwo dort draußen.“

(Tony Andrady, Chemiker des amerikanischen Research Triangle Institute)

Jedes Stück! JEDES! Wo immer du gerade diesen Text liest, hör kurz auf und schau dich um, wie unglaublich viel Kunststoff dich umgibt. Monitorrahmen, Smartphonehüllen, Tesafilm, Kugelschreiber, Keksverpackung… alles Plastik. Auf einem Quadratmeter, zumindest jetzt und hier beim Schreiben in meinem Fall.

Eine der Folgen all dieses Plastiks in der Natur ist noch gar nicht absehbar: Kunststoffe zersetzen sich unter UV-Licht zu kaum sichtbaren Mikroplastik, dessen Einfluss auf die Umwelt noch nicht ausreichend erforscht ist.

Kunststoffsparen mit Potential: Kackbeutel

Für mich bedeutet das: Jedes Fitzelchen Kunststoff, das ich sinnvoll sparen kann, versuche ich einzusparen. Das klingt unglaublich heldenhaft, aber realistisch betrachtet müsste ich meine Arbeit und mein Leben vollkommen umkrempeln, um das vollständig durchzuziehen. In unserer Gesellschaft müsste ich explizit reichlich Energie und Zeit dafür aufwenden, um plastikfrei zu leben, weil unsere Konsumkultur so nur funktioniert, wenn Produkte möglichst günstig und einfach konsumierbar sind. Um Plastik zu umschiffen, müsste ich suchen, Wege auf mich nehmen, anders Mahlzeiten zubereiten – es ist schlicht nicht leistbar, perfekt zu sein. Und das ist (inzwischen) in Ordnung für mich. Ich halte aus, dass ich nur so viel beitragen kann, wie es mir in meiner Lebenssituation möglich ist.

Deswegen lohnt sich meines Erachtens aber auch der Blick auf Nachhaltigkeit in Bezug auf Kunststoffe für die Hundewelt – denn da gibt es eben einiges, was man tun kann. Neben Hundespielzeugen aus Kunststoff, die man inzwischen recht gut durch solche aus Naturmaterialien ersetzen kann, gibt es vor allem ein großes Problem: Hundekotbeutel. Um genau zu sein, geschätzt mehr als 500 Millionen pro Jahr allein in Deutschland! Die kleinen Plastikbeutel, die wir alle praktisch permanent mit uns herumtragen, in allen Hosen- und Jackentaschen finden, und die an sich, wenn auch nicht immer unbedingt notwendig dann doch erwünscht sind, weil Hundehaufen nun einmal in unserer dicht besiedelten Umwelt ein Ärgernis für viele Menschen sind.

Während es in der Schweiz Pflicht ist, den Kot des Hundes einzusammeln, ist es in Deutschland doch wenigstens gefordert – je städtischer es wird, desto größer wird der Druck, dem Haufen nicht einfach ein bis zwei Wochen zu geben, bevor er von unterschiedlichsten Organismen abgebaut wurde. Das ist vor allem da verständlich, finde ich, wo die Hundedichte hoch ist und die Hunde sich die Gehwege und Grünflächen mit Kindern teilen. Wird der schönste Waldweg am Tag von zehn bis 50 Hunden belaufen, um sich zu lösen und keiner sammelt es ein… dann ist dieser Weg für alle, die nicht vollkommen blind und geruchlich eingeschränkt sind, eine widerliche Tretminen-Strecke. An unserem KynoLogisch-Standort in Radevormwald gibt es so eine Strecke – und selbst als Hundehalterin ärgere ich mich über den Zustand dieser an sich schönen Strecke entlang der Wupper.

Kackbeutel gehören in den Restmüll, nicht ins Gebüsch

Ich gebe zu, dass es mir wirklich verdammt schwerfällt, etwas Natürliches in Kunststoff einzuwickeln, um es in unserer Restmülltonne zu entsorgen – denn genau da muss ein gefüllter Hundekotbeutel hier in Brandenburg, wo ich wohne, entsorgt werden. Andere Mülleimer findet man hier auf dem Land sowieso nicht. Ich bin immer gezwungen, den Hundekotbeutel lange zu tragen und notfalls mit dem Auto bis nach Hause zu fahren. Dieses Problem ist deswegen wichtig, weil es eben leider keine Lösung ist, das Häufchen des eigenen Hundes beispielsweise in einem Stück nachhaltigen Zeitungspapier bis zum nächsten Eimer zu tragen – und vielleicht erklärt das auch in vielen Regionen, warum so viele Haufen zwar in Plastik verpackt, aber dann ins Gebüsch gefeuert werden (auch wenn ich das wirklich überhaupt nicht nachvollziehen kann). Hier ein echt wichtiger Tipp: Wer nicht vorhat, den gefüllten Kackbeutel richtig zu entsorgen, der lässt den Hundekot doch bitte einfach liegen. Dann dauert es zwei Wochen, bis der Haufen zersetzt ist und nicht hunderte von Jahre, bis der Beutel als Mikroplastik im Ozean treibt. Beschwert sich deswegen jemand, dann rufe man: „Nachhaltigkeit!“ und denke beim nächsten Gassi wieder an den kleinen Beutel.

Kompostierbares Bioplastik – ist das wirklich eine Alternative?

Der Markt hat auf das Leid der nachhaltigkeitsbewussten Hundehalter*innen reagiert. Was habe ich mich gefreut, als ich das erste Mal eine solche Werbung angezeigt bekommen habe! Es gibt bio-degradable, kompostierbare, organische, vegane und plastikfreie Hundekotbeutel – angeblich. Mit einem Haufen von Siegeln, Zertifikaten und DIN-Norm-Erfüllungen. Was mein Problem damit ist? Es ist (fast immer) Marktgeschrei. So wirbt eine Firma, dass ihre Hundekotbeutel aus Maisstärke sind – 100 % plastikfrei und kompostierbar (4). In den FAQs relativiert sich die geschickte Formulierung: „Die Folie unser Beutel besteht aus GMO-freier Maisstärke, pflanzlichem Öl (Olivenöl-Derivat) und synthetischen Bio-Polymeren in Kombination mit einer Erdöl-basierten Komponente. Oder einfacher gesagt: Unsere Hundekotbeutel sind aus Bioplastik hergestellt…“ Klingt super, oder? Der BUND äußert sich zum Thema Bioplastik und erklärt, dass Bioplastik ein schwammiger Begriff ist, nirgends wirklich sinnvoll entsorgbar und die Produktion so aufwendig, dass es eigentlich keine nachhaltige Alternative ist (5). Ähnlich sieht es auch das Umwelt Bundesamt (6).

Betrachtet man sich die ganzen vermeintlich nachhaltigen Hundekotbeutel also genauer, dann stellt man fest: Entweder sie zerfallen in einem nicht näher definierten Zeitraum unter industriellen Kompostierbedingungen (und nicht im heimischen Gartenkompost) zu Mikroplastik, das jetzt schon unseren ganzen Planeten belagert, sich mit Giftstoffen anreichert und Ökosysteme verändert (7). Oder sie sind in der Produktion und Verwertung so miserabel bilanziert, dass jeder stinknormale Plastebeutel die Nase weit vorne hat, wenn es um die Umweltfreundlichkeit seiner Entstehung und seines Endes geht. Nachhaltigkeit ist einfach extrem schwierig, wenn man versucht, nicht nur das Ding an sich, sondern eben auch all das mit in die Bewertung mit aufzunehmen, das zur Dingwerdung notwendig war.

Immer abwägen – immer nach Alternativen Ausschau halten!

Nachhaltig für unsere Umwelt ist streng genommen also nur, den Kot dort zu belassen, wo er während des Spaziergangs abgesetzt wurde. Nachhaltig für eine freundliche Nachbarschaft ist, sich den Hund nicht in Vorgärten, auf Spielwiesen und auf Gehweggrünstreifen lösen zu lassen. Und vielleicht muss man im Sinne der seelischen Nachhaltigkeit auch feststellen, dass es für die eigene Lebenssituation keine umweltfreundlichere Alternative als den klassischen Plastekackbeutel gibt, der dann über die Restmülltonne in die Verbrennungsanlage wandert. Das ist tatsächlich meine Lösung, weil ich mehrere Hunde halte und nicht immer alle in den fernen Wald kacken. Für mich bedeutet das, dass ich nicht jeden Haufen in eine Tüte verpacke, sondern versuche, so viele Haufen wie möglich in einen Beutel zu bekommen – auch wenn das bedeutet, dass ich einen Kilometer über Brandenburgs Feldwege mit einem halb gefüllten Kackbeutel laufe, bis der nächste und der übernächste Hund sein Geschäft verrichtet hat.

Wer vor Ort die Möglichkeiten hat, kann Sammelgruben für Hundekot anlegen oder es mit der Kompostierung versuchen. Dann helfen Pferdemistsammler (aka Mistboys), bei denen man die häufig sehr groben Krücken allerdings durch einen Kinderrechen ersetzen sollte. Damit lässt sich dann aber auch das kleinste Häufchen schnell und fast rückstandslos in die Schaufel bugsieren.

Ich habe mir natürlich auch überlegt, wo Kunststoffe in der Hundehaltung auch eine Rolle spielen:

  • Näpfe aus Kunststoff meide ich, weil es wirklich einfach ist, sich für die Variante aus Blech zu entscheiden – beide Varianten finden sich normalerweise direkt nebeneinander im Verkaufsregal.
  • Biothane ist ein Markenname für Kunstleder, also Gewebe mit Kunststoff ummantelt – und es gibt viele Varianten aus Naturmaterialien, vor allem, wenn es um Leinen geht.
  • Die allermeisten Hundemäntel und viele Halsbänder sind letztendlich aus Synthetikfasern oder gar Mikrofasern, von denen viele erdölbasiert sind.
  • Trockenfuttersäcke und portioniertes TK-Frischfleisch (Barf) und jede Menge verpackter Kleinkram besteht aus Kunststoff. Ich versuche immer abzuwägen, ob es wirklich einen dritten Hundemantel aus Kunststoff braucht und ob nicht der größere Sack Hundefutter auch geht, weil er etwas Plastik spart. Und ich verstehe nicht, warum nicht mehr Futtermittelhersteller in stabile Pappsäcke abfüllen – auch wenn mir bewusst ist, dass die Papierherstellung auch nicht das Gelbe vom Ei ist. So aus der Nachhaltigkeitsperspektive betrachtet.

Ein Fazit

Insgesamt gibt es im Bereich Kunststoff und Nachhaltigkeit vor allem eines: Viel Frust ob der fehlenden Alternativen und enervierende Phasen, in denen man sich damit abfinden muss, neben Arbeit, Familie und Hunden die Zeit nicht zu finden, sich auf die langwierige Suche nach ehrlich guten Lösungen umzuschauen. Aber es gibt auch viele Möglichkeiten. Ich bin immer für Tipps und Ideen dankbar! Vielleicht öffnen wir demnächst einfach den ersten Hundefutter-Unverpackt-Laden? Die Hunde würde es ganz sicher freuen… 😉

Quellen (zuletzt abgerufen am 24. September 2021):

(1) https://www.sueddeutsche.de/panorama/muell-was-ist-schlimmer-hundekot-oder-hundekotbeutel-1.3489244
(2) https://de.wikipedia.org/wiki/Plastikm%C3%BCll_in_den_Ozeanen
(3) https://www.spektrum.de/news/kunststoffmuell-formt-sich-zu-neuem-gestein/1295469
(4) https://www.organicdoglife.de/
(5) https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/chemie/abfall_biokunststoffe_stellungnahme.pdf
(6) https://www.umweltbundesamt.de/themen/tueten-aus-bioplastik-sind-keine-alternative
(7) https://de.wikipedia.org/wiki/Mikroplastik