Ihr seid doch Tierschutz, ihr müsst Euch um die kümmern

Im Interview: Drei Praktiker*innen dazu, warum wir Hundewirt*innen ausbilden

Die Situation des Tierschutzes ist seit Jahren nicht einfach: Hohe Auslastung, steigende Anforderungen und knappe Finanzierung machen vielen Einrichtungen zu schaffen. Welche Herausforderungen gibt es? Werden wirklich mehr oder andere Hunde abgegeben als „früher“? Wie geht es den Mitarbeitenden in den Tierheimen? Wir haben mit drei KynoLogisch-Dozent*innen gesprochen, die es wissen müssen: Ute Heberer, 1. Vorsitzende und ehrenamtliche Tierheimleitung von Tiere in Not Odenwald e.V., Chris Deschl, Hundetrainer und Dozent u.A. für den Landestierschutzverband Hessen, und Ines Neuhof, Assistentin der Geschäftsführung im Tierheim Leipzig. Sie kennen den Tierheimalltag aus erster Hand und setzen sich als Lehrende in der KynoLogisch Ausbildung für Hundewirt*innen für Professionalisierungsmaßnahmen im Interesse des Tierpflegeberufs ein. Ein Interview über den Tierschutz am Rand der Belastungsgrenze. 

Fangen wir mit dem Wesentlichen an: Wie ist die Situation in den Tierheimen?

Chris Deschl:
Die Situation in Deutschland sieht aus meiner Sicht folgendermaßen aus: Ein sehr großer Teil der Tierheime ist bis an das Ende der Kapazität ausgelastet. Die Hunde werden natürlich so gut wie es geht vermittelt. Die Plätze sind aber in relativ kurzer Zeit wieder voll. Wird ein Zwinger frei, ist der innerhalb weniger Stunden wieder besetzt.

Ute Heberer:
Wobei die Situation regional sehr unterschiedlich ist. Es kommt darauf an, wo die Tierheime ihren Sitz haben. Sind sie z.B. in der Nähe von Autobahnen, wo viele dieser Welpentransporte gestoppt werden? Die sind wirklich völlig überlastet, weil sich durch die steigende Nachfrage die Zahl der illegalen Transporte deutlich erhöht hat. In ländlichen Gebieten ist es da mitunter noch etwas ruhiger. Aber durch die Bank weg machen die Hunde die größten Probleme, die hier nicht her passen, weil sie falsch importiert und von den Vereinen des Auslandstierschutzes dann nicht zurückgenommen werden. Das werden immer mehr. Die Tierheime sind nicht in der Lage, diese Flut an schwierigen Hunden aufzunehmen.

Ines Neuhof:
Ja, das beobachte ich auch: Wir sehen uns einem immer größeren Bestand von Hunden gegenüber, für die die Vermittlungschance einfach gegen null läuft, eben weil der Hund Beißerfahrung hat. Ich war in den 90ern selbst Gassigängerin im Tierheim, und dass es da mal einen wirklich gefährlichen Hund gab, war die absolute Ausnahme. Das hat sich total verändert. Heute bekommen wir die Hunde meist entweder über die Einweisung nach Gefahrhundgesetz von den Ordnungsämtern oder die verzweifelten Halter rufen uns an, weil es Beißvorfälle gab. Da hat sich in meinen Augen auch die Anspruchshaltung der Menschen verändert. Was sich nicht über Ebay oder Facebook verkaufen lässt, landet halt in den Tierheimen: „Ihr seid doch Tierschutz, ihr müsst Euch um die kümmern“. Und natürlich versuchen wir immer eine Lösung zu finden, aber Hunde, an die keiner rankommt, was will man die dann in einen Tierheimzwinger stellen? Davon werden die auch nicht einfach so umgänglicher.

Chris:
Was letztendlich ja auch eine hohe Anforderung an die Professionalität der pflegenden Personen ist, wenn da immer mehr Hunde im Tierheim sind, bei denen ein Anleinen, ein Maulkorb-Anlegen usw. schon mit gesundheitlichen Risiken für die Pfleger und Pflegerinnen einhergeht. Das heißt: Es braucht schon für den ganz normalen Umgang in Standardsituationen, im alltäglichen Management, ein hochqualifiziertes Arbeiten am Hund, weil es selbst bei einem ziemlich oberflächlichen Umgang trotzdem schon zu Schwierigkeiten kommen kann.

Wenn ihr könntet: Was würdet ihr verändern?

Ute:
Ich würde sofort erst einmal das Gehalt der Mitarbeiter erhöhen. Es gibt sehr, sehr viele Tierheimmitarbeiter, die sehr engagiert arbeiten, die wirklich ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, sei es mit schwierigen, gefährlichen Tieren, sei es mit Krankheiten, die übertragen werden können. Sie arbeiten im Dreck, sie arbeiten in der Kälte, und natürlich auch mit Tieren, die nicht immer freundlich sind. Das heißt, sie riskieren ihre Gesundheit, und das alles für ein Gehalt, für das andere nicht mal aufstehen würden. Vor allem würde ich mir aber auch wünschen, dass die Tierheime in der Lage wären, ihren Mitarbeitern Fortbildungen zu bezahlen, oder dass die Mitarbeiter selbst finanziell in der Lage wären, sich Fortbildungen leisten zu können. Das ist so unglaublich wichtig, weil sich die Anforderungen an die Tierheimmitarbeiter so drastisch verändert haben. Wo vor 30 Jahren noch Hunde an der Kette und im Zwinger und die Haltungsbedingungen so schlecht waren, dass man wirklich von geretteten Tieren sprechen musste, wenn die ins Tierheim kamen, sind es jetzt verwöhnte Hunde, missverstandene Hunde, sind es sehr schwierige Hunde, sind es Auslandshunde, die genetisch einfach Probleme mitbringen, Angsthunde, und so weiter. Die Ausbildung ist auf keinen Fall dafür ausgelegt, dass die Tierpfleger oder Hundepfleger wissen, wie sie mit solchen Tieren umgehen sollten und wie es eben nicht zu Unfällen kommt.

Ines:
Die Tierheime, die ich kenne, geben sich alle unheimlich Mühe. Es wäre aber so wichtig, dass der Tierschutz sich leisten könnte, mehr Personal einzustellen, damit zum Beispiel auch die Zeitfenster für die einzelnen Arbeiten größer sind, um mit mehr Ruhe rangehen zu können. Außerdem finde ich es wichtig, dass der Tierschutz irgendwo auch eine relevante Größe in der Politik wird. Dass das nicht nur mit so einem: „Ja, ja, das machen die alles ehrenamtlich.“ abgetan wird, sondern dass da durchaus auch öffentliche Mittel zur Verfügung gestellt werden. Gerade im Bereich der Hunde, die doch durchaus gefährlich sind bzw. die gefährlich wären, wenn sie draußen rumlaufen würden. Da sehe ich wirklich Bedarf, dass das Gehör findet bei den entscheidenden Gremien, die da zum Beispiel Gelder zur Verfügung stellen könnten für externe Trainer oder für Trainer die Mitarbeitende anleiten oder oder oder.  In der Politik muss endlich ankommen: Hallo! Da werden überall die Hunde abgeschoben, die Tierheime brauchen Hilfe. Kümmert Euch doch mal bitte.

Chris:
Wenn ich etwas ändern könnte, hm…spannend. Ich versuche tatsächlich, in der Arbeit mit Tierheimen und ihren Mitarbeitern Professionalisierungsmaßnahmen entstehen zu lassen, also feste Abläufe und Strukturen sowohl für die Mitarbeiter als auch für die Hunde zu etablieren – beim Anleinen, beim Maulkorb anlegen, beim Management, solche Dinge. Wie gehen wir gemeinsam an der Leine, wie verhalten wir uns außerhalb und innerhalb von Konfliktsituationen, wie arbeitet man mit schwierigen Hunden und so weiter. Mir persönlich liegt auch die Arbeit mit Angsthunden sehr am Herzen.

Ein Tierpfleger ist in Tierheimen hierzulande eine Mischung aus Gefängniswärter, Sozialarbeiter, Kindergärtner und Altenpfleger – von der Betreuung von Welpen über jugendliche auffällige Hunde bis hin zu Hunden mit einem relativ langen Strafregister oder solchen, denen man gesundheitlich sehr unter die Arme greifen muss. Das kann niemand leisten, der in seiner oder ihrer Ausbildung nur ein paar Tage oder Wochen das Thema ‚Hund‘ hatte. Ich versuche da so gut es geht, alltagsnahe und umsetzbare Dinge mit den Tierheimmitarbeitern zu erarbeiten.

Ihr seid alle Dozent*innen bei der Ausbildung für Hundewirt*innen bei KynoLogisch. Warum? Welches Ziel verbindet ihr damit?

Ute:
Mein Ziel ist so eine Art Hilfe zur Selbsthilfe. Ich möchte, dass die Hundepfleger Hunde besser einschätzen können, schneller einschätzen können, sicherer einschätzen können, dass sie einen sichereren Umgang mit Hunden bekommen. Dass sie um das richtige Equipment wissen: Was braucht man alles, damit ich dem Hund helfen kann, damit ich mir helfen kann, damit ich meine Mitarbeiter, meine Arbeitskollegen auch schützen kann. Und Hintergrundwissen! Ganz viel, damit ich z.B. auch die Leute besser beraten kann. Ich möchte den Hundepflegern helfen, nicht nur Hundepfleger in Form von Putzkraft zu sein, sondern als kompetente Mitarbeiter, die Fachmitarbeiter sind, die wissen, was sie tun und diese besondere Tierart Hund auch wirklich verstehen, so dass sie gut mit ihnen arbeiten und sie auf ein neues Zuhause vorbereiten können.

Ines:
Ich glaube, ich möchte in erster Linie die Teilnehmenden dafür sensibilisieren, dass der kommunikative Anteil in Pension oder Tierheim einen sehr, sehr großen Anteil hat – bei den Vermittlungen zum Beispiel, den Rückgaben, oder wenn man viel mit Einweisungen durch Veterinärämter zu tun hat – da hat man teilweise auch recht schwieriges Klientel. Man muss viel mit Interessenten sprechen und mitunter sogar mit den Medien. Das nimmt schon einen größeren Part der Arbeit ein, als manche vermuten, und mir ist wichtig, dass da klar ist: Das kann man lernen, da muss man kein Naturtalent sein. Dafür möchte ich die Auszubildenden rüsten, damit sich da nicht unnötige Ängste auftun.

Chris:
Mein Ziel für die Hundewirtausbildung ist es, neue Impulse zu setzen im Umgang mit Hunden. Mein Ziel wäre es auch, das Gefährdungsrisiko von Menschen, die mit Hunden arbeiten, so gut wie es geht zu reduzieren. Die Lebensqualität der Hunde, die dort leben, z.B. durch Gruppenhaltung, durch entspanntere Spaziergänge, die durch Hundetraining möglich werden, durch Integration in den Alltag usw. zu verbessern.

Vielen Dank für Eure Zeit!

Hinweis: Die Interviews wurden aus Gründen der Lesbarkeit und Länge editiert. Die Inhalte der Aussagen wurden nicht verändert.

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